Das Museum der Zukunft
Eine Fiktion trifft auf reelle Erwartungen
Von Timo Landenberger, freiberuflicher Journalist, Moderator und Multimedia-Produzent
Bulletin 3/2026 – Au musée, 05. octobre 2026Ein Jubiläum gibt stets Anlass, um zurückzuschauen. In diesem Artikel lenken wir den Blick jedoch Richtung Zukunft. In einem kleinen Gedankenexperiment gehen wir der Frage nach, wie Museen in 60 Jahren aussehen könnten und wie sich diese Fiktion mit den Herausforderungen der Gegenwart verträgt.
Ein Frühsommertag im Jahr 2086. 40 Grad Celsius sind selbst am Morgen keine Seltenheit. Entsprechend willkommen ist die angenehm kühle Luft, die den Besuchenden beim Betreten des Museums entgegenschlägt. Genau wie viele andere öffentliche Gebäude bestehen auch Museen mittlerweile aus überwiegend organischem Material. Dadurch sind die Räumlichkeiten auch ohne technische Klimaanlage perfekt temperiert, zusätzlich funktioniert die Gebäudehülle als natürlicher CO2-Speicher. Das Museum bindet auf diese Weise mehr Emissionen, als es verursacht. Es ist klimapositiv und erfüllt damit die Auflagen der Behörden, die seit 2080 gelten.

Gebäudehülle organisch, Ausstellungsobjekte virtuell: Könnte so das Museum der Zukunft aussehen? Visualisierung eines Gedankenexperiments mithilfe eines KI-Bildgenerators. © Timo Landenberger, KI-generiert mit Adobe Firefly/Gemini Flash
Hocheffiziente und kaum sichtbare Solarmodule sorgen ausserdem dafür, dass die Energieproduktion der Institution ihren Verbrauch übersteigt. Und das, obwohl letzterer allein durch die massive Ausweitung von KI-Anwendungen, die Verarbeitung personenbezogener Daten und die datenintensive Verschlüsselung derselben massiv angestiegen ist. So bekommen die Besuchenden, die alle einen winzigen Knopf im Ohr tragen, nicht nur eine namentliche und persönliche Begrüssung, sobald sie das Museum betreten. Dank spezieller Kontaktlinsen, welche die klobigen Virtual-Reality-Brillen längst abgelöst haben und die mit dem jeweiligen Smartphone der Tragenden verbunden sind, können die Menschen einen vollkommen individuellen Museumsbesuch und personalisierte Führungen erleben. Dabei können sie mit ihren Guides ebenso in Interaktion treten wie mit den Objekten selbst und beispielsweise ein Gemälde nach seiner Herkunft, Entstehung und Bedeutung befragen.
Virtuelle Nachbildungen der Ausstellungsobjekte
Nur wenige Objekte der umfangreichen Sammlung des Museums sind in den Räumlichkeiten tatsächlich physisch ausgestellt. Die meisten werden gut gesichert im Depot aufbewahrt. Je nach Interessen und Vorlieben der Besuchenden werden dann perfekte virtuelle Replika erzeugt, die durch die VR-Kontaktlinsen in den Museumsräumen betrachtet und mittels spezieller Technologie nicht nur angesprochen, sondern teilweise sogar «berührt» werden können. Vitrinen werden nicht mehr benötigt.
Gleichzeitig kann auf diese Weise auf sämtliche Sammlungsobjekte im Depot zugegriffen werden, ohne dass diese jemals wieder bewegt werden müssen. Aus konservatorischer Sicht ist das ein grosser Fortschritt. Zugleich steigt der Wert der Originale deutlich an. Werden sie tatsächlich einmal gezeigt, lockt dies ein begeistertes Publikum aus aller Welt an.
Die Möglichkeit für die Besuchenden, durch dasselbe Museum zu gehen und dabei dennoch unterschiedliche Objekte zu sehen und unterschiedliche Geschichten vermittelt zu bekommen, erfordert eine neue Art des Kuratierens. Statt feststehende, in sich geschlossene Ausstellungen zu konzipieren, werden unterschiedlichste Optionen berücksichtigt, was an das Programmieren von Algorithmen erinnert. Künstliche Intelligenz übernimmt die finale Auswahl der Objekte und des passenden virtuellen Guides auf Basis der Daten des Besuchenden, wie etwa Sprache, Interessen, Alter oder Bildungsniveau. Museen sind damit inklusive Orte für sämtliche Bevölkerungsgruppen und werden als wichtige Bildungseinrichtungen im Jahr 2086 vollständig von der öffentlichen Hand finanziert.
Das Echte gewinnt an Bedeutung
Diese Zukunftsvision ist natürlich vollkommen fiktiv und ein bewusst überspitztes, reines Fantasieprodukt. Ob Museen in 60 Jahren tatsächlich so aussehen und funktionieren, kann heute niemand vorhersehen. Klar ist aber: Unsere Zeit bringt mehrere gesellschaftliche und technische Transformationen mit sich, die auch die Museumsbranche vor Herausforderungen stellen und die Zukunft des Sektors prägen werden.
Sibylle Lichteinsteiger war langjährige Leiterin des Stapferhauses in Lenzburg und ist mittlerweile unter anderem beratend tätig. Sie beschäftigt sich intensiv mit aktuellen gesellschaftlichen Themen und daraus resultierenden Fragen, glaubt aber explizit nicht, dass das Museum der Zukunft nur noch digital stattfindet. Vielmehr ist sie überzeugt von einer Art Gegentrend. «In einer Welt, die immer digitaler und vernetzter wird, gewinnt das Echte, das Sinnliche, das Haptische zunehmend an Bedeutung», sagt sie. «Echte Menschen, echte Begegnungen, ein echter Raum. Das ist der Kern, der das Museum ausmacht. Und darauf sollten wir auch setzen, wenn wir über die Zukunft nachdenken.»

Trotz digitaler Angebote bleibt das Museum ein Ort der echten Begegnungen. Schulklasse beim Besuch des Naturhistorischen Museums Bern. © NMBE / Nelly Rodriguez
Studie zeigt: Museen geniessen grosses Vertrauen
Mit moderner Technik lässt sich der Museumsbesuch massschneidern. Ein einfaches Beispiel sind Audioguides, die Inhalte nach Belieben und in beliebiger Sprache einspielen können. In dieser Individualisierung des Museumsbesuchs liege aber auch ihr grösster Nachteil, sagt Lichtensteiger: «Ausstellungen sind kollektive Orte. Gerade in einer individualisierten Gesellschaft ist es ihre Aufgabe, die Gemeinschaft zu stärken.»
Eine vom Deutschen Institut für Museumsforschung herausgegebene Studie zeigt, dass Museen nach Familie und Freunden das höchste Vertrauen in der Bevölkerung geniessen – noch vor Wissenschaft und Medien. «Diese hohe Glaubwürdigkeit ist ein weiteres grosses Kapital, das Museen nicht verspielen dürfen», so Lichtensteiger.
Das bedeute keinesfalls, die digitale Entwicklung zu ignorieren. Schliesslich sei künstliche Intelligenz auch aus der Museumsbranche nicht mehr wegzudenken und berge Chancen ebenso wie Herausforderungen: «Die Recherche wird anspruchsvoller. Wir haben schnell Zugang zu sehr vielen Informationen. Die Quellen kritisch zu prüfen, zu erkennen, welches Wissen gesichert ist, und zu entscheiden, was relevant ist und was nicht, das ist eine Kompetenz, die an Bedeutung gewinnen wird und für die es die nötigen Ressourcen braucht.»
Der Mensch bleibt entscheidend
Chiara Jehle hat im Jahr 2024 ihr Studium in Geschichte und Germanistik beendet. Seit Kurzem arbeitet sie als Museumspädagogin und Kuratorin im Liechtensteinischen Landesmuseum in Vaduz. Als Berufseinsteigerin hat sie einen etwas anderen Blick auf die Zukunft der Branche und auf die Entwicklung virtueller, personalisierter Angebote: «Ich wünsche mir, eines Tages durch das Vaduz des 15. Jahrhunderts zu spazieren und die Menschen sogar zu ihrem Leben befragen zu können».
Doch auch sie ist überzeugt: «Solche Angebote können das Museum gut ergänzen, doch was es ausmacht, sind reelle Orte, Objekte und vor allem Menschen». Alles nur noch digital? Für Jehle unvorstellbar. Schliesslich seien Museen nicht nur Orte der Wissensvermittlung, sondern auch der Meinungsbildung, der Begegnung und des Austauschs. «Die meisten Ausstellungen, egal ob künstlerisch, naturwissenschaftlich oder historisch, haben irgendeinen Bezug zu unserem eigenen Leben heute. Sie sollen zu Interaktion und Reflexion anregen.»
Eine grosse Frage werde jedoch sein, wie Museen weiterhin Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. «Die Welt ist so schnelllebig, und die Menschen haben immer weniger Geduld. Wenn uns eine Klasse besucht, braucht es viel Einsatz von unserer Seite, damit sich die Schülerinnen und Schüler für eine oder zwei Stunden darauf einlassen», sagt Jehle. «In Irland erlebte ich Vermittlungspersonen, die gleichzeitig Schauspieler waren und Führungen mit hohem Unterhaltungswert machten. Ich glaube, so etwas wird auch bei uns immer wichtiger.»

Workshop am Jahreskongress 2026 der Museen der Schweiz in Vaduz zum Thema «Das Lernende Museum». © Djamila Grossman
«Das lernende Museum» als strategischer Schwerpunkt von VMS und ICOM Schweiz
Das Programm «Das lernende Museum» des Verbands der Museen der Schweiz (VMS) und von ICOM Schweiz verfolgt eine Vision: Bis 2030 entwickeln sich Museen zu kollaborativen, inklusiven und lernenden Organisationen – als offene Orte des Dialogs und aktive Akteure gesellschaftlichen Wandels. Dabei geht es weniger um grosse Umbrüche als vielmehr um eine generelle Haltung: neugierig bleiben, Fragen stellen dürfen, Erfahrungen teilen und gemeinsam besser werden. 17 Museen aus der ganzen Schweiz sind als Pilotmuseen dabei, und bereits rund 50 Institutionen haben die Charta unterzeichnet. Die Idee bewegt also über den Pilotkreis hinaus. Nun können sich weitere Museen in einer zweiten Ausschreibungsrunde anmelden. Am 26. Oktober 2026 bieten VMS und ICOM Schweiz zudem im Rahmen des Programms und in Kooperation mit dem Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW einen neuen Kurs explizit für Führungskräfte in Museen an.
«Das lernende Museum» ist neben dem Nachhaltigkeitsprogramm «Museen für den Planeten» und «Ethik schafft Zukunft» eine von drei strategischen Stossrichtungen des VMS und von ICOM Schweiz. Auch der Jahreskongress der Museen, der im August in Vaduz mit rund 250 Teilnehmenden stattfand, stand unter diesem Zeichen.