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Kulturerbe entdecken, erleben, bewahren

Zur Geschichte und Entwicklung der Denkmaltage in der Schweiz

Die Europäischen Tage des Denkmals ermöglichen jedes Jahr aufs Neue vielfältige Erlebnisse und exklusive Einblicke. Seit mehr als drei Jahrzehnten fest im Schweizer Kulturkalender verankert, unterstreichen sie die anhaltende Bedeutung des Kulturerbes für die Gegenwart und die Zukunft.

 

Theaterveranstaltung anlässlich der Europäischen Tage des Denkmals 2023 beim Schloss Neuenburg. © Timo Ullmann

 

Seit mehr als 30 Jahren beteiligt sich die Schweiz an den jährlich stattfindenden Europäischen Tagen des Denkmals. Der Anlass ermöglicht es einem breiten Publikum, das kulturelle Erbe der Schweiz kennenzulernen und dessen Bedeutung für die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erkennen. Mit rund 45’000 Besucherinnen und Besuchern, die an Hunderten von Aktivitäten teilnehmen, handelt es sich um die grösste Veranstaltung im Bereich des Kulturerbes. Das Angebot ist vielfältig und entwickelt sich ständig weiter: Führungen, Atelier- und Ausgrabungsbesuche, Exkursionen, Vorträge, Workshops, Diskussionsrunden, aber auch musikalische Darbietungen, Familien- und Kinderprogramme oder Themenwanderungen ermöglichen, das reiche kulturelle Erbe zu entdecken. Dabei bieten die Denkmaltage auch einen wertvollen Einblick in die Arbeit von Archäologie und Denkmalpflege.

 

Vom «Tag der Kulturgüter» zu den «Europäischen Tagen des Denkmals»

Die Idee für die Europäischen Tage des Denkmals stammt aus Frankreich, wo 1984 die erste «Journée portes ouvertes dans les monuments historiques» stattfanden. Der Europarat nahm die Idee auf und initiierte das Projekt 1991 europaweit.1 In der Schweiz trieb insbesondere der Geschäftsführer der Nationalen Informationsstelle zur Kulturgüter-Erhaltung (NIKE), Gian-Willi Vonesch, die Umsetzung voran, unterstützt von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK) und ihrem Direktor Nott Caviezel. Das Bundesamt für Kultur (BAK) erteilte 1994 der NIKE den Auftrag, erstmals den «Tag der Kulturgüter» beziehungsweise die «Journée européenne du Patrimoine» in der Schweiz durchzuführen. An den ersten Veranstaltungen beteiligten sich neben dem Bund 18 Kantone. Bereits wenige Jahre später fanden Veranstaltungen in allen Kantonen sowie auch in Liechtenstein statt. Seit dem Jahr 2000 erstrecken sich die «Europäischen Tage des Denkmals» hierzulande über zwei Tage, jeweils am zweiten Septemberwochenende.2

 

Abb. 3: Schweizer Plakat für die Europäischen Tage des Denkmals 2013 zum Thema «Feuer, Licht, Energie». © NIKE

 

Abb. 4: 2017 lautete das Thema «Macht und Pracht». © NIKE

 

Abb. 5: Das Plakat von 2020 zum Thema «Weiterbauen» zeigt die Stadt Freiburg mit der Poyabrücke. © NIKE

 

Verflechtung als Erfolgskonzept und Herausforderung zugleich

Über die strategische Ausrichtung der Denkmaltage in der Schweiz entscheiden das BAK, die NIKE, die Konferenz der Schweizer Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger (KSD) sowie die Konferenz Schweizerischer Kantonsarchäologinnen und Kantonsarchäologen (KSKA). Die NIKE ist für die Koordination der Kampagne und die nationale Medien- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig und repräsentiert die Schweiz in der übergeordneten europäischen Struktur der «European Heritage Days».3 Sie koordiniert das Veranstaltungsprogramm der kantonalen und städtischen Fachstellen für Denkmalpflege und Archäologie, die zusammen mit Organisationen, Vereinen und Personen, die mit dem baukulturellen Erbe verbunden sind, Veranstaltungen vor Ort organisieren.

Im Rahmen einer partizipativ angelegten Sensibilisierungskampagne bezieht die NIKE ihre Partnerinnen und Partner in regelmässigen Treffen und Workshops in die nationale Kampagne mit ein. Diesbezüglich nimmt die Schweiz sogar eine Vorreiterrolle ein, die auf europäischer Ebene aufmerksam verfolgt wird.4 Die Verflechtung von nationalen und kantonalen Behörden, Organisationen und Kultureinrichtungen sowie die dahinterstehenden Kooperationen sind entscheidend für den Erfolg der Denkmaltage in der Schweiz. Sie ermöglicht eine breite Abstützung, qualitativ hochstehende Veranstaltungen und ein vielfältiges Programmangebot, stellt aber auch eine Herausforderung für die Kampagnenentwicklung dar.

 

Das Umfeld und die Ansprüche verändern sich

Die Denkmaltage sind stets mit neuen Anforderungen an die Vermittlung konfrontiert. Heute steht nicht mehr nur das reine Vermitteln von Wissen über unser kulturelles Erbe im Vordergrund, gefragt sind vielmehr eine möglichst aktive Beteiligung und Teilhabe.5 Dahinter steht ein Paradigmenwechsel, der die gesellschaftliche Bedeutung des Kulturerbes als gemeinschaftliches Gut und dessen Zugänglichkeit im Fokus hat. Das von der Schweiz ratifizierte Rahmenübereinkommen des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft (Konvention von Faro) oder die Kulturbotschaften des Bundesrats seit 2016 verdeutlichen diesen Wandel.6 Das Verständnis von Kulturerbe selbst wurde mit den Jahren erweitert, wobei das immaterielle Kulturerbe an Bedeutung gewinnt. Die Trennung zwischen immateriellem und materiellem Kulturerbe ist aber in vielerlei Hinsicht eine künstliche: Gerade das baukulturelle Erbe zeugt von vielfältigen Wechselbeziehungen – sind doch bedeutende kulturgeschichtliche Stätten wie etwa der Stiftsbezirk St. Gallen, die Gotthard-Bergstrecke oder die prähistorischen Seeufersiedlungen stets auch Ausdruck von Geisteswelten, Wertvorstellungen, Wissen und Handwerk.

 

Seit 2023 tritt die Kampagne für die Europäischen Tage des Denkmals in der Schweiz in einem einheitlichen Design und mit dem Markenzusatz «Kulturerbe entdecken» auf. © Daniel Bernet

 

Überhaupt stehen die Europäischen Tage des Denkmals in einem sich rasch wandelnden Umfeld. Unser baukulturelles und archäologisches Erbe steht vielfältigen Bedrohungen gegenüber: Die Auswirkungen des Klimawandels gefährden Bauwerke, Kulturlandschaften und archäologische Stätten unmittelbar. Die wachsenden Ansprüche an Landschaft und Gebäude im Zuge der Energiewende oder vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung sorgen für weiteren Druck. Traditionelle und frühindustrielle Handwerke drohen ganz zu verschwinden.

Das Bundesamt für Kultur hat in einer repräsentativen Studie festgestellt, dass Personen, die mit den Europäischen Tagen des Denkmals vertraut sind, deutlich positiver gegenüber Fragen zum Kulturerbe eingestellt sind als die übrigen befragten Personen. Die Denkmaltage bilden demnach ein zentrales Instrument, um für die Akzeptanz von Massnahmen zum Schutz, zur Pflege und zum Erhalt des Kulturerbes, insbesondere des baukulturellen Erbes, zu werben.7

 

Weiterentwicklung der nationalen Kampagne

Auch angesichts eines sich verändernden gesellschafts- und medienpolitischen Umfelds hat die Trägerschaft die Strategie der Denkmaltage in der Schweiz überarbeitet. So trat die Kampagne 2023 zum ersten Mal in einem einheitlichen und neuen Design auf. Um dem breiteren Verständnis von Kulturerbe Rechnung zu tragen, wurde sie mit dem Markenzusatz «Kulturerbe entdecken» («découvrir le patrimoine», «scoprire il patrimonio») ergänzt. Damit nähert sich die Schweiz der europäischen Strategie der «European Heritage Days» an, die nebst dem materiellen einen starken Fokus auf das immaterielle Kulturerbe setzt. Mit der überarbeiteten Kampagnenstrategie und der Präsenz in den sozialen Medien erhöht die Schweiz die Visibilität für die Denkmaltage und spricht neue Zielgruppen an. Letztendlich sind es jedoch die Veranstaltungen selbst, die den Menschen während den Denkmaltagenden Zugang zum Kulturerbe ermöglichen und deren Attraktivität ausmachen.

1 Siehe S. 16–21 in diesem Bulletin.

2 Dazu detaillierter: Cordula M. Kessler, Seit Jahren DIE Inszenierung von Kulturerbe: Europäische Tage des Denkmals, in: KGS-Forum (29) 2017, S. 31f.

3 https://www.europeanheritagedays.com/

4 Vgl. S. 16–21 in diesem Bulletin.

5 Siehe dazu: Teilhabe am Kulturerbe – ein Leitfaden, Nationale Informationsstelle zum Kulturerbe NIKE (Hg.), Bern 2021.

6 Rahmenübereinkommen des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft, Amtliche Sammlung 2020 (271) sowie «Botschaft zur Förderung der Kultur in den Jahren 2025–2028 (Kulturbotschaft 2025–2028)», provisorische Fassung, S. 10.

7 Siehe dazu: «Umfrage zur Bedeutung des Kulturerbes in der Schweiz», durchgeführt im Auftrag des BAK, abrufbar unter https://www.bak.admin.ch/bak/de/home/baukultur/dialog/repraesentative-umfragen.html (4.7.2024).